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Die blogsche Entjungferung

Ja, das ist er, das erster Kurz-Essay in diesen virtuellen Hallen. Man wird sehen, welche Ergüsse ich hier in Zukunft zu Stande bringen werde.

Ich gestehe, nicht ganz von selbst auf die Idee gekommen zu sein, der Rahmen ist eher abgeschaut, wohl aber aus dem Bedürfnis erwachsen, all die Gedanken zu ordnen und festzuhalten, die sich täglich durch mein Hirn winden, für mich, aber auch, sonst gäbe es diesen Blog nicht, für andere.

Als Kind schrieb ich eine Zeit lang Tagebuch, bis meine Mutter es fand und mich ob seines Inhaltes wenig erfreut zur Rede stellte - ein respektloser Übergriff, denn ein Tagebuch, so wird man mir sicher zustimmen, gilt als Schrift unter Verschluss, man schreibt es lediglich für sich selbst und es ist nicht dazu gedacht, ungefragt geöffnet, gelesen und kommentiert zu werden. Anders mag es ausehen, wenn die privaten Ergüsse eines (meist bereits verstorbenen) Autoren gefunden werden. Mit großer Freude und Finanzkraft wirft es ein Verlag an die Öffentlichkeit, um die begeistereten Leser und Biographie-Süchtigen sowie das eigene Konto zu erfreuen.

Nun, ich bin noch nicht tot, und ein Blog ist kein Tagebuch. Jeder kann lesen, was hier steht, jeder kann seinen Senf dazu abgeben. Und dennoch dürfte es sich hier nicht unwesentlich um den angestrebten Effekt eines Tagebuches handeln - eine Art seelische Entschlackung, ein Spaziergang freier Gedanken, ganz für mich selbst... aber wohl auch um ein gewisses Mitteilungsbedürfnis. :-)

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Ich beobachte an mir in letzter Zeit ein etwas gesteigertes Natur-Interesse, amüsanterweise gerade jetzt, wo mich der Heuschnupfen plagt und es grauenhaft heiß und windstill ist. Ich hasse ungetrübtes Sommerwetter. Es fühlt sich starr und tot an. Ein strahlend blauer Himmel ist tot, es regt sich nichts an ihm. Wilde Wolken sind Leben, Wind ist Leben, Regen ist Leben. Eine drückende Sonne und schwer danieder liegende Luft  dagegen machen träge, nicht nur mich, die ganze Welt zeigt sich mir dann als müde und lethargisch dahin siechend. Ich wünsche mir den Geruch salzigen Meerwassers in der Luft und eine steife nordische Brise, die mir das Haar um den Kopf wirbelt.

Nicht selten spüre ich förmlich, wie Leben jenseits meiner Mit-Menschen zu mir spricht, wie ich mich selbst sehe in einem stummen Zwiegespräch mit Geschöpfen, denen meist keine Kultur und Sprache zugestanden wird. Als ich gestern auf der Campus-Wiese im Schatten eines Baumes saß und mich zunächst einer Zigarette, dann einem Text von Wittgenstein widmete, begann eine winzig kleine Spinne, mich als Behausung zu nutzen, indem sie sich anschickte, ein Netz zwischen Baumstamm, meinem Oberschenkel und dem daneben stehenden Rucksack zu spannen. Ich ließ sie gewähren und war seltsam fasziniert von der "Akzeptanz", die ich dadurch erfuhr. Ich war kein Fremdkörper, der am Baum lehnte, sondern integriert in die Natur, und sei es lediglich durch eine kleine Spinne, die mich für eine kurze Zeit zum Teil ihres Lebensraumes machte. Und ihr geschäftiges Tun offenbarte sich als weitaus spannender, im wahrsten Sinne, als der Text, den zu Lesen für heute meine Pflicht gewesen wäre. Fast belustigt stellte ich später fest, wie sogar dieser ein Teil der Wiese wurde, als sich ein kleines, grünes Insekt - genauer kann ich es nicht benennen - seinen Weg von einem Grashalm über meine Hand bis zu dem gerade von mir gelesenen Blatt bahnte und sich weder durch einen Windhauch noch durch kräftiges Pusten meinerseits verscheuchen ließ.

Aus dieser Perspektive ist dieses Geschöpf unglaublich stark, unglaublich trotzend. Dieses winzige Krabbeltier vesteht es, zu leben, es ist Teil der Macht, welche Natur genannt wird und die der Mensch mit Ignoranz zu strafen pflegt. Dieses Insekt ist in der Lage, auf einer Papierkante entlang zu laufen, die so schmal ist, dass sie menschliche Haut durchschneiden kann, es vermag dem Wind zu trotzen.

Und ich? Ich bin in gewisser Hinsicht sogar schwächer als kleine, unbelebte Blütenpollen, welche mich dieser Tage zwingen, meine vier Wände nicht zu verlassen, da mir sonst Nase und Augen überquillen.

Nichts aber zieht mich in den letzen Wochen so sehr in seine Bann, wie der Rabe. Ein fasznierendes Wesen! Dunkel, undurchsichtig, kräftig, schlau und stark. Seit einiger Zeit nisten zwei schwarze Gesellen dieser Gattung in einem hohen Baum hinter meinem Haus. Ich liebe es, dabei zu zuschauen, wie sie sich schwungvoll vom Ast absetzen und davon segeln oder aber aus unvorhersehbarer Richtung wieder zurück kehren und ihre Jungen füttern.

Vor zwei Wochen saß ein anderer Rabe im höchsten Wipfel einer Birke, welche auf der schon angesprochenen Campuswiese steht. Es war ein kühler, stürmischer Tag, in der Stadt lagen einige Äste verstreut und ich bangte um die Gesundheit meines Autos^^. Am Nachmittag saß ich in einem Literaturseminar und hatte jenen Baum nur knapp im Blick, weil der Fensterrahmen wie weitere Sicht verdeckte. Plötzlich wurde ich dieses großen schwarzen Kameraden gewahr. Der Ast, auf welchen er sich niedergelaßen hatte, schwankte heftig im Wind auf und ab, ich bin sicher, kein Mensch hätte sich daran halten können. Der Rabe saß still und unbekümmert, bewegte sich kaum, bis auf eine Drehung des Kopfes, mal hier hin, mal dort hin. Was der Dozent sagte, vergaß ich völlig, beobachtete nur diesen Vogel, und nicht lange dauerte es, bis ich vielmehr glaubte, er beobachtete mich, anstatt umgekehrt. Wie ein Gespräch ohne Worte erschien es mir und ich vergaß völlig die Zeit, ich spürte nur den Blick des Raben in mir. Nach icn weiß nicht wie vielen Minuten drehte ich lediglich einen Augenblick lang den Kopf zur Zeite - und der schwarze Geselle war verschwunden! Sein Eindruck jedoch nicht.

Ich bin seit dem sehr aufmerksam, was diese Tiere angeht, halte täglich Ausschau nach meinen gefiederten Nachbarn und verharre auf dem Campus, wenn ein großer scharzer Vogel einsam über den Campus fleigt und bisweilen ein tiefes Krächzen von sich gibt.

Ich gestehe es, derlei Gedanken kommen mir selbst manchmal etwas verrückt vor, sie häufen sich seit einigen Monaten und öffnen den Blick für vieles, dass wissenschaftlich nicht erklärbar ist, mir vielmehr ein Gefühl für "Magie" vermittelt und mich nachdenken lässt, welche Mächte der Welt inne wohnen, welche den Menschen oder mir inne wohnen und ob denn jeder vermag, manches zu sehen, wie ich es sehe, ob die Menschheit mit Blindheit gestraft ist, ob sie schlecht hört, was die Erde flüstert, oder ob ich bloß anders interpretiere, was ein Lehrbuch über eine beliebige Naturwissenschaft ganz logisch und nüchtern darlegt. Doch egal, was es damit auf sich hat, es sind Momente der Kraft und der seelischen Tiefgründigkeit... und sie bedeuten mir viel.

"I grew and learned respectfully the earth, wind, water and the sky, the powers that decides the weather and rules both the dark and the light" [Bathory, "Baptized in fire an ice"]

22.5.07 17:49





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